Bildung: Meine Checkliste zur Landtagswahl 2011
Geschrieben von tomtom in Allgemein, Lokales, Politik, WirtschaftMit dem Begriff „Kinderland Baden-Württemberg“ gaukelt die Landesregierung eine Idylle vor, während sich die Lebensbedingungen vieler Kinder und Jugendlicher verschlechtern.
Die schwarz-gelbe Landesregierung setzt unbeirrt die Bildungspolitik fort, die diese Land schon seit Jahren in eine Zweiklassen Gesellschaft teilt und die jetzt in der absurden Feststellung der Industrie mündet, dass es nicht genügend Facharbeiter und Ingenieure gibt.
Abgesehen davon, dass vor allem langzeitarbeitslose Akademiker und Facharbeiter trotzdem keine Chance haben, wieder eine Stelle mit vernünftiger Bezahlung zu bekommen, offenbart diese Situation doch das Versagen der Bildungspolitik auf breiter Front.
Die Agenda der Landesregierung orientiert sich an Wirtschaftsinteressen und zielt auf die Konservierung von Statusprivilegien ab.
Während Elite- Universitäten und private Schulen großzügig unterstützt werden, sehen sich die öffentlichen Schulen nicht nur einem Streichkonzert bei den Mitteln gegenüber, sondern müssen auch noch unter den Bedingungen eines sozialselektiven dreigliedrigen Bildungssystems operieren.
Das ist besonders schlimm für Kinder, die durch ihre konkreten Lebensumstände schlechtere Startchancen haben. Jedes Kind ist ab Geburt gleich begabt und klug und hätte daher theoretisch die gleichen Chancen.
Aber Kinder entwickeln sich unterschiedlich. Diese Ursachen können vielschichtig sein. Wenn Eltern z.B. alleinerziehend sind oder, in prekären Beschäftigungsverhältnissen lebend, mehr als einen Jobs benötigen, um überhaupt genug Geld zur Verfügung zu haben, so bleibt dies nicht ohne Auswirkungen auf die Entwicklung des Sprachvermögens eines Kindes.
Allgemein gibt es viele Eltern, die aufgrund beruflicher Umstände allgemein nicht genügend Zeit für ihre Kinder aufbringen können. Auch ein zu hoher Fernsehkonsum anstelle Vorlesen und gemeinsames Spielen sind nicht förderlich für die geistige Entwicklung von Kindern.
Es gibt also viele Ursachen für eine sehr unterschiedliche Entwicklung von Kleinkindern vor der Einschulung. Kinderkrippen und Kindergärten können hier regulierend ausgleichen, wenn sie flächendeckend gut mit Personal und Mitteln ausgestattet sind und ein sozial orientiertes Bildungskonzept unterstützen, dass Entwicklungsunterschiede vor der Einschulung ausgleichen können.
Wie soll aber ein Kind, das zu Beginn seiner Schulzeit ein ungenügendes Sprachverständnis hat, in der vorgegebenen Grundschulzeit erfolgreich lesen und schreiben lernen? Und wenn es weder gut lesen noch schreiben kann, wie soll es dann rechnen lernen oder irgendeinem anderen Unterrichtsfach erfolgreich folgen können.
Es sitzt somit nachvollziehbar, dass damit ein Teufelskreis beginnt, der nur in Ausnahmefällen erfolgreich verlassen werden kann.
Auch während der Schulzeit müssen unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten von jungen Menschen berücksichtigt werden, etwa durch das Konzept von Förderstufen, Was wir also brauchen, sind Schulen, die nicht nur mit Lehrern und Sachmitteln gut ausgestattet sind und ein ganztägiges Angebot an die jungen Menschen richten.
Das Konzept der Förderstufe ist einfach und genial. Sie startet für die Kinder nach der Grundschule. Je nach erreichter geistiger Reife werden Kinder in 3 unterschiedliche Leistungsklassen A, B und C eingeteilt. Diese unterscheiden sich dadurch, dass zwar die Kinder in einigen Fächern getrennt -, aber in anderen Fächern gemeinsam unterrichtet werden. Die Leistungsbeurteilung erfolgt hingegen unterschiedlich. Damit können sich Kinder der schwächsten Leistungsklasse C durch gute Noten schnell für die höhere Leistungsklasse qualifizieren. Umgekehrt erfolgt ein Wechsel in die andere Richtung , etwa von A nach B, ohne Stigmatisierung der betroffenen Kinder.
Die Frage stellt sich nun, welche Konzepte SPD, Grüne oder Die Linke der unsozialen Bildungspolitik von CDU und FDP entgegenzusetzen haben.
Die SPD in Baden-Württemberg jedenfalls hat offensichtlich keine Antwort mehr auf diese Herausforderungen: Sie versteht weder die Kritik an Stuttgart 21 noch hat sie ein akzeptables Bildungskonzept. Unzählige Arbeitsgemeinschaften beschäftigen sich zwar mit allem Möglichen. Aber das Thema Bildung gibt es dabei nicht:
http://www.spd-bw.de/index.php?mod=content&menu=803&page_id=904
Auch die Stichwortsuche zum Thema Bildung auf der Website des Landesverbandes fördert nicht wirklich viele Ergebnisse zu Tage:
http://www.spd-bw.de/index.php?query=bildung&x=0&y=0&mod=search&op=e&offset=10&min=0&menu=803
Vorbei sind die Zeiten, in denen eine SPD in Hessen Maßstäbe setzte durch die Einführung eines Gesamtschule und einer Förderstufe für längeres gemeinsames Lernen. Die SPD im Ländle scheint all dies nicht zu kennen. Statt dessen nörgelt man punktuell an der Landesregierung herum, ohne wirkliche bildungspolitische Alternativen aufzuzeigen.
Konkreter werden hier schon die Grünen. Sie schreiben immerhin in ihrem Wahlprogram von 2009: „Wer Bildungsarmut verhindern und ungleiche Chancen ausgleichen will, muss Kinder früh fördern und dabei das einzelne Kind mit seinen Fähigkeiten und seinen Interessen in den Mittelpunkt stellen. “
Die Partei Die Linke, in Westdeutschland vor allem bestehend aus ehemaligen Sozialdemokraten und Mitgliedern der WASG, knüpft an die Leitideen sozialdemokratischer Bildungspolitik der siebziger Jahre an und liefert daher das durchgängigste und überzeugendste Konzept für einen Neuanfang.
In ihrem Zehnpunkteprogramm ( http://www.die-linke-bw.de/wahlen/ ) vom 23.1.2010 tritt die Partei für ein umlagefinanziertes, duales Ausbildungssystem ein, das soziale Schranken überwindet und im Hochschulbereich einer Verschulung des Studiums entgegen tritt. Dort heisst es:
„Durch die frühe Selektion ab der 4. Klasse, wird der zukünftige Lebensweg vorweggenommen. MigrantInnen, Menschen mit Behinderungen, und Kinder aus bildungsfernen Schichten verlieren damit in den meisten Fällen die Chance auf höherwertige Bildungsabschlüsse.
Unser Ziel ist und bleibt die „Schule für alle“ als Gemeinschaftsschule im Ganztagesbetrieb. Nur durch umfangreiche Investitionen kann das Bildungswesen die Integrationsleistung erbringen, die notwendig ist, um das Menschenrecht auf Bildung und Chancengleichheit zu gewährleisten.
Das G8 an den Schulen und die Einführung von Bachelor/Master-Studiengängen an den Hochschulen führen zu Leistungsverdichtung, Verschulung im Studium und zu unzumutbarem Leistungsdruck.
Schule und Hochschule sind Lebensraum und müssen für Lernende gestaltbar sein. Das beinhaltet zuallererst ein ganzheitliches Bildungskonzept ohne Selektion. Bildung muss den Menschen als Ganzes zu einem mündigen Individuum qualifizieren.
Wir fordern eine Schule ohne Angst. Deshalb lehnen wir die verbindliche Grundschulempfehlung ab. Dem setzen wir ein solidarisches Lernen ohne Leistungs- und Konkurrenzdruck durch die Abschaffung der Zensuren bis mindestens zur vierten Klasse entgegen.
Wir müssen schnell weg vom mehrgliedrigen Schulsystem! Wir brauchen eine Umstrukturierung der Schulen zu inklusive Gemeinschaftsschulen im Ganztagsschulmodell. Statt Selektion und ständiger Nachverdichtung von Lehrplänen, leistungsorientierter Kopfnoten und Sanktionen fordern wir das gemeinsame solidarische und soziale Lernen in kleinen Klassenverbänden nicht über 25.
Schule ist Lebensraum! Deshalb gehören nicht nur Wohnortnähe, sondern auch eine kostenlose Schulspeisung sowie individuelle Freizeitgestaltung für Schülerinnen und Schüler zu einer ganzheitlichen Bildung für alle.
Die Linke tritt der Verkürzung von Schul- und Studienzeit entschieden entgegen. Wir fordern die Rückgängigmachung des G8 und setzen uns für eine Entzerrung und gegen Verschulung des Studiums ein.
Wir setzen uns für die Inklusion von Menschen mit Behinderung in den Gemeinschaftsschulbetrieb ein. Dazu bedarf es kleinerer Klassen und sonderpädagogischer Unterstützung. Art. 28 der auch für Baden- Württemberg verbindlichen UN-Charta über die Rechte von Menschen mit Behinderungen muss schnellstmöglich umgesetzt werden.
Wir fordern eine Demokratisierung der Schulen und Ausbildungsstätten. Eine umfassende Mitbestimmung der Lernenden ist in unserer Vorstellung einer freien und selbstbestimmten Bildung unverzichtbar. Stärkung der Rechte der SMVen und Einführung von Schülervollversammlungen sind erste Schritte in diese Richtung.
Wir unterstützen Kommunen, Schüler- und Elterninitiativen, die ein längeres gemeinsames Lernen und „Eine Schule für alle“ bis Klasse 10 anstreben. Modellprojekte zur Demokratisierung im Sinne selbstverwalteter Schulen durch SchülerInnen können wichtige Impulse geben.
Statt Schmalspurausbildung durch Erstqualifikation fordern wir ein ganzheitliches und umlagefinanziertes duales Ausbildungssystem. Sofortige Abschaffung jeglicher Bildungs- und Studiengebühr – inklusive Durchsetzung der verfassungsmäßigen Lehr- und Lernmittelfreiheit in Baden-Württembergs.
Eine Finanzierungsoffensive für Schul- und Hochschuleausbau unter Beteiligung des Landes und des Bundes ist dringend notwendig.
Ausweitung und Sicherstellung von studentischer Mitbestimmung durch eine Verfasste Studierendenschaft, allgemeinpolitisches Mandat und paritätische Gremienbesetzung.
Wir werden uns landespolitisch für ein elternunabhängiges, rückzahlungsfreies BAFöG für alle stark machen.
Kurzfristig muss Zugang zum Masterstudium für alle ermöglicht werden. Darüber hinaus fordern wir die Abschaffung des Bachelor-Master Systems in der derzeitigen Form. Keine Einflussnahme fremder Interessengruppen wie Kirche, Wirtschaft oder Parteien auf das Bildungswesen.
Bildungsurlaub für alle ArbeitnehmerInnen zur beruflichen und politischen Bildung, den es in vielen anderen Bundesländern seit langem gibt. Langfristig sollen Bildungsgebühren (bspw. VHS) auch in der Erwachsenenbildung entfallen.
DIE LINKE Baden-Württemberg lehnt den Kooperationsvertrag von Bundeswehr und Kultusministerium ab. Die Bundeswehr hat in Schulen und Hochschulen nichts zu suchen! Schülerinnen und Schülern sollen humane Weltansichten vermittelt werden, anstatt sie auf Kriege einzustimmen.
Private Bildungsträger dürfen das staatliche Bildungswesen nicht verdrängen. Bildung ist als Aufgabe der öffentlichen Hand zu begreifen, und darf nicht privatisiert werden.“
Das eigentliche Wahlprogramm der Linken für die Landtagswahl 2011 befindet sich noch in der Diskussion und wird sicher weitere spannende Punkte zur Bildungspolitik enthalten.
Auch im Hochschulbereich gibt es sozialen Reformbedarf. Die Entwicklung der Hochschullandschaft hin zu Elite Universitäten einerseits und finanziell unterversorgten öffentlichen Hochschulen andererseits, muß rückgängig gemacht werden. Ebenso hat sich das Bachelor- und Masterstudiensystem als Weg in die falsche Richtung erwiesen.
https://biwifo-bawue.verdi.de/datei/bildungsstreik
Fazit: Eine Checkliste zur Landtagswahl in Sachen Bildungspolitik sollte in etwa so aussehen:
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Kostenloses Angebot an KITA- und Kindergartenplätzen für alle Kinder.
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Ganztagesschulen für alle Schüler.
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Möglichst langes gemeinsames Lernen in der Schule. Förderstufensystem ab Klasse 5.
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Kleine Klassen mit maximal 25 Schülern.
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Sehr gute finanzielle Ausstattung aller öffentlichen Bildungseinrichtungen
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Lern- und Lehrmittelfreiheit.
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Keine Studiengebühren
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Ausreichende BAFÖG Sätze für Schüler und Studenten
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Keine Elite Universitäten und teuren Privatschulen.
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Rückkehr zum Diplom Studiengang. Schluß mit Experimenten a la Bachelor- und Masterstudiengang auf Kosten unserer Jungend.
Tags: 2011, Baden-Württemberg, Bildung, CDU, die linke, FDP; Die Grünen, Landtagswahl, SPD
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