"Wenn wir gewinnen, gibt′s ein Fest auf dem Schloss"

Paul Kirchhof: 'Finden Sie es normal, dass wir Gewinne aus Kapital mit 25 Prozent besteuern, die Arbeit aber mit 45 Prozent?' Foto: Stefan Kresin
Paul Kirchhof: 'Finden Sie es normal, dass wir Gewinne aus Kapital mit 25 Prozent besteuern, die Arbeit aber mit 45 Prozent?' Foto: Stefan Kresin

Von Klaus Welzel

Heidelberg. Paul Kirchhof zu finden ist ganz einfach. "Gehen Sie in das zweite Stockwerk. Klingeln Sie, und da ist er dann", sagt Frau Kirchhof, als wir den Termin vereinbaren. Und da ist er dann wirklich. Ein einziger Professor auf einem ganzen Stockwerk.

Auf das Klingelzeichen hin sagt eine leicht unverständliche Stimme: "Ja, bitte". Es sind noch 20 Meter an endlos wirkenden Büchern vorbei. "Kommentare", wie die Juristen sagen. Beeindruckende 20 Meter. Und leuchtete da hinten nicht wie ein Notausgangschild der Name "Paul Kirchhof", man würde glauben, sich doch geirrt zu haben. Noch zwei Türen. Eine davon öffnet sich durch Sekretärinnenhand. Und ein äußerst zuvorkommender Gastgeber nimmt zuerst den Mantel entgegen, macht sich Gedanken, wo man am besten sitzt, bietet Tee an oder Wasser.

Wasser. Denn die Materie ist trocken. Glaubt man. Aber nicht für Paul Kirchhof, der vor knapp einem Jahr ein dünnes Büchelchen veröffentlichte. Ein Büchelchen von 127 Seiten "Dicke". Ein Werk, das die Welt verändern könnte. Könnte. Wenn man ihn nur ließe, den Professor aus Heidelberg.

In wenigen Tagen wird Paul Kirchhof 68. Redet er über seinen Einfachsteuerentwurf, dann schwingt die jugendliche Begeisterung eines Reformers mit. Und nicht die Abgeklärtheit eines Juristen, der zwölf Jahre als Bundesverfassungsrichter tätig war, der juristische Standardwerke veröffentlicht, der sich einmal in die Politik wagte und das als einen richtigen Schritt wertet, den er aber so nicht wieder tun würde.

Der vierfache Familienvater glaubt an das Gute im Menschen. Eurokrise? Kein Problem: "Stellen Sie sich vor, wir alle in Europa hätten ein gerechtes Steuersystem. Natürlich würden die Griechen genauso Steuern zahlen wie die Deutschen. Heute aber tun es beide, der eine schlecht, der andere nicht immer recht."

Kirchhof schwebt ein Steuergesetz vor, das nach progressiver Entlastung der Anfangseinkommen mit einem Steuersatz von 25 Prozent endet. Mehr nicht. Alle Ausnahmen werden gestrichen. Leichtes Stirnrunzeln. Alle? "Ausnahmslos. Und wissen Sie eigentlich, dass heutzutage die zehn Prozent der Großeinkunftsbezieher 51 Prozent des gesamten Steueraufkommens zahlen?" Ja, schon. Dass aber diese zehn Prozent einen durchschnittlichen Steuersatz von 23 Prozent zahlen - wer weiß das schon? Kirchhof ist in seinem Element: "Wenn die dann künftig 25 statt 23 Prozent zahlen, das muss doch jedem einleuchten, dass das gerechter ist als unser heutiges Steuersystem."

Den gebürtigen Osnabrücker, der aus einer großen Juristenfamilie stammt, stört so einiges am Ist-Zustand. "Das Steuerrecht hat seine Akzeptanz verloren". Die ist verschwunden in den täglichen kleinen Betrügereien, wenn der Weg von der Wohnung zur Arbeit kurzerhand um zwei Kilometer verlängert wird. Wen stört's angesichts der Reichen, die in Werftabschreibungen investieren und so ihren 45-prozentigen Steuersatz auf besagte 23 Prozent runterrechnen.

Paul Kirchhof stört's. "Finden Sie das eigentlich normal, dass wir Gewinne aus Kapital mit 25 Prozent besteuern, die Arbeit, die ein Mensch leistet, aber mit bis zu 45 Prozent?" Natürlich finden so etwas allerhöchstens Steuerberater normal oder Finanzbeamte.

Die 25-prozentige Abgeltungssteuer war es, die Paul Kirchhof zum Maßstab nahm. Ihm geht es darum, eine verständliche, einprägsame Formel wie den "biblischen Zehnten" zu finden. Eine Summe, die jeder bereit ist, zu geben. An der 25 hielten er und seine Mitstreiter (s. Hintergrund) dann fest. Und sie ist so gut vermittelbar, dass ihm einflussreiche Politiker sagen: "Herr Kirchhof, Ihre Idee ist richtig." Was sie dann noch sagen, ist eher nicht für die Öffentlichkeit gedacht und kann auch deshalb verschwiegen werden, weil wir es sofort erfahren würden, wenn das "Bundessteuergesetzbuch" des Paul Kirchhof tatsächlich einmal ein solches würde.

Dass dem bisher nicht so ist, hat Paul Kirchhof vor allem einem Mann zu verdanken: Gerhard Schröder. Der SPD-Kanzler machte im Wahlkampf 2005 aus dem designierten Finanz- und Wirtschaftsminister den "Professor aus Heidelberg". Eine Abwertung - "wie made in Germany", amüsiert sich Kirchhof heute. Jahre später, in denen er erkannt hat, dass Wahlkampf eine ganz besondere Art der Auseinandersetzung ist.

Erwähnt man bei Paul Kirchhof "die Krankenschwester mit Nachtdienst", die nach seinem Steuermodell doch weniger verdienen würde, dann schaut er einen an, milde lächelnd: "Ach ja, die Krankenschwester. Fallen Sie doch nicht auf die herein. Die Krankenschwester, der Nachtarbeiter, der Pendler werden erleben, dass die hohen Freibeträge und niedrigen Anfangssteuersätze sie besser stellen. Bei einem Freibetrag von 10 000 Euro pro Einkommen, 8000 Euro pro Kind hat eine Familie mit zwei Kindern 36 000 Euro pro Jahr steuerfrei." So weit das Modell Kirchhof.

Immer dieser Schröder. Vor eineinhalb Jahren, da kam es zu einem Treffen zwischen Paul Kirchhof und Gerhard Schröder. Der Kanzler ist im Beirat des DKFZ, Kirchhof hielt einen Vortrag über die "Rechtsfragen der Genomsequenzierung". Da haben sie dann diskutiert. 90 Minuten. Nach dem Vortrag. Die Begrüßung zu Beginn war - höflich-kühl. Der akademische Disput war "überaus interessant".

Seit letztem Mai ist Paul Kirchhofs Buch auf dem Markt. Alle Ministerpräsidenten haben es erhalten, auch die Kanzlerin. Seither wirbt er, hält Vorträge, ist fast jeden Abend unterwegs. Diese Woche in Bayern. Dann Budapest, Wien. Hunderte kommen. Und alle sagen das, was auch mehrere Länderchefs zu Paul Kirchhof sagten: "Ihre Idee überzeugt. Wir sollten sie umsetzen." Es ist leicht, Paul Kirchhof zu finden. Und wenn man ihn gefunden hat, bietet er diese erstaunlich leicht zu verstehende Idee.

Eines ist aber noch offen geblieben: Wie viel verdient denn nun so ein Großeinkommensbezieher, so ein "Besserverdienender"? Mindestens 88 600 Euro im Jahr. Und davon soll er etwa 18 000 Euro abgeben? Das klingt gerecht. Gerechter als der heutige Steuerparagrafendschungel mit 30 000 Paragrafen.

Paul Kirchhof kämpft weiter. "Und wenn wir gewinnen, dann gibt's ein Fest auf dem Heidelberger Schloss mit Sekt und Feuerwerk."

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Von Steuerzahler am Dienstag, 07.02.2012 um 12:21 Uhr
Wenn wir gewinnen, gibts ein Fest auf dem Schloss
Wäre zu schön, wenn sich doch noch ein Kirchhoffsches Gesetz einen Weg durch den Steuergesetzgebungsdschungel ebnen könnte. Ahnlich wie die Knotenregel in der Elektrotechnik.
Schade, dass damals ein Herr Schröder aus Hannover einen so überlegenen Kopf so drastisch ausbremsen konnte. Was ist heute von Schröder geblieben? Das traurig berühmte Statement, dass Putin ein lupenreiner Demokrat ist. Plumper Populismus und Ängsteschüren geht halt immer noch vor Sachverstand. Die Lobbyisten haben das Land immer noch voll im Griff.

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Von Taxpayer am Dienstag, 07.02.2012 um 13:18 Uhr

Re: Wenn wir gewinnen, gibts ein Fest auf dem Schloss
Wenn wir gewinnen, gibts ein Fest auf dem Schloss

Schröder? War war nochmal schnell Schröder?! Ich erinnere mich nur sehr dunkel. Past perfect oder Plusquamperfect. Zur Erinnerung: Seit 2006 ist Frau Merkel dran, bis heute also genug Zeit für eine überfällige Steuerveränderung in Richtung Kirchhof, oder?
Die Frage, die hier interessiert, ist: Warum macht das keiner, wenns doch besser für alle ist, außer diejenigen die in der Lage sind, sich die Steuer wegzurechnen, wohl ausgerechnet diese Mitbürger, die ohnehin schon im Geld schwimmen.
Meine Mutter hat immer gesagt: "von den Reichen kannst Du das Sparen lernen".
Nächste Frage: Wer macht eigentlich die Politik in unserem schönen Land?
Oder aber: Wenn Kirchhof gewinnt, könnten wir sogar das Schloss wieder aufbauen bevor wir drin feiern!


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Von IsaacBenLaurence Weismann am Mittwoch, 08.02.2012 um 17:54 Uhr

Re: Wenn wir gewinnen, gibts ein Fest auf dem Schloss
Wenn "wir" gewinnen, gibts ein Fest auf dem Schloss

Schön zu glauben, aber bei der "Unverbesserlichen" ja geht, aber müssen wir prüfen, vielleicht ein Ausschuß, sprechen Sie am besten mit ... Schäuble???
Ich würde glatt zum Schloß "pilgern" wollen, wo ich, in der Vergangenheit, so oft vom Königstuhl hinabgestiegen bin.


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Von flieger am Mittwoch, 08.02.2012 um 18:19 Uhr
Märchenstunde mit Paul Kirchhof
Eine Besonderheit des Kirchhof-Modells, die Sozialverträglichkeit vorgaukeln soll, sind die relativ hohen Freibeträge. Kirchhof beziffert sie mit 10.000 Euro pro erwachsenem Familienmitglied (bei gemeinsamer Veranlagung) und mit 8.000 Euro pro Kind. Während kinderreiche Familien im niedrigen und mittleren Einkommensbereich so erst relativ spät in den zu versteuernden Einkommensbereich kommen, schlägt die relativ hohe Besteuerung in den unteren Einkommensbereichen bei kinderlosen Steuerpflichtigen voll zu. So werden Alleinstehende ohne Kind bis zu einem Jahreseinkommen von etwas mehr als 40.000 Euro durch das Kirchhof-Modell stärker belastet, als durch das aktuelle Steuersystem. Bei kinderlosen Paaren verstärkt wiederum der Wegfall des Ehegattensplittings diese Tendenz, so dass selbst kinderlose Paare mit einem Jahreseinkommen von 80.000 Euro beim Kirchhof-Modell schlechter dastehen.
Je mehr Kinder ein Haushalt auf seiner Steuerkarte stehen hat, desto mehr profitiert er vom Kirchhof-Modell. Natürlich profitiert man jedoch nur dann, wenn man ein relativ hohes Einkommen hat. Bei Geringverdienern spielen die Freibeträge des Kirchhof-Modells kaum eine Rolle, da sie auch beim aktuellen Steuersystem von Freibeträgen profitieren und erst relativ spät in die Progressionszonen rutschen, die höhere Grenzsätze aufweisen als das Kirchhof-Modell. Anders als stets kommuniziert, ist das Kirchhof-Modell keine familienpolitischen Wohltat – die vermeintliche Familienfreundlichkeit entpuppt sich bei näherer Betrachtung vielmehr als Nebelkerze, die von den eigentlichen Profiteuren ablenken soll.
Radikale Steuerentlastung für die Superreichen
Doch all diese Unterschiede in den unteren und mittleren Einkommensbereichen sind Makulatur, wenn man die Einkommenstabelle nach oben verlängert. Dies mag auch der Grund sein, warum die obersten Einkommensbereiche bei den Vergleichsrechnungen in den Kirchhof-freundlichen Artikeln grundsätzlich ausgelassen werden. Während sich die Ersparnis durch das Kirchhof-Modell für Normal- und Besserverdiener (unter 80.000 Euro pro Jahr) im günstigsten Fall auf rund 7 Prozent des Bruttoeinkommens summiert, profitieren die Spitzenverdiener in schier unglaublicher Größenordnung.
Einkommensmillionäre könnten beim Kirchhof-Modell mit einer Reduzierung der Steuerlast in Höhe von mindestens 18 Prozent ihres Bruttoeinkommens rechnen. Spitzenverdiener in der Ackermann-Einkommensliga von 10 Mio. Euro pro Jahr würden durch das Kirchhof-Modell um rund 2 Mio. Euro pro Jahr entlastet. Wer anhand dieser Zahlen behauptet, vom Kirchhof-Modell würden vor allem einkommensschwache Familien profitieren, lügt entweder fahrlässig oder mit Vorsatz.
Wenn man sich einmal verdeutlicht, dass beim Kirchhof-Modell das Gros der einkommensstarken Steuerzahler profitiert, ist es auszuschließen, dass eine solche Steuerreform auch nur im Ansatz aufkommensneutral sein könnte. Nach Angaben des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales bestreiten die obersten 10 Prozent der Einkommenspyramide mehr als die Hälfte des Einkommensteueraufkommens. Wie soll eine Steuerreform aufkommensneutral sein, die genau diese Klientel stark überproportional entlastet?
(Quelle: "Nachdenkseiten" v. 1. Juli 2011)

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Von Steuerzahler am Donnerstag, 09.02.2012 um 08:57 Uhr

Re: Märchenstunde mit Paul Kirchhof
Wenn wir gewinnen, gibts ein Fest auf dem Schloss

@flieger,
vielleicht sollten Sie noch andere Infoquellen benutzen als Ihre "Nachdenkseiten"!
Sie bemühen allzu sehr die Theorie, doch die Praxis sieht nach meiner Erfahrung vollkommen anders aus.
1. Sie sehen eine Benachteiligung von kinderlosen Steuerzahlern. Haben Sie sich schon mal eine Vorstellung darüber gemacht, welche Belastungen heute eine Familie auf sich nehmen muss, bis die Kinder eines Tages mal Ihre Rente bezahlen können und dürfen? Kindergeld samt Freibeträge entlasten zwar, sind derzeit aber ein Witz gegenüber den tatsächlichen Kosten! Dem gut ausgebildeten Nachwuchs wird künftig noch viel mehr eine wesentliche Bedeutung in unserer Volkswirtschaft zukommen, als es schon heute der Fall ist - Demographie läßt grüßen.
Hier finde ich Kirchhofs Konzept viel gerechter als die heutige Lösung.
2. Ihrer Darstellung, daß Reiche so massiv entlastet werden, muss ich folgendes entgegnen (und zwar aus eigener Erfahrung im Verwandten- und Bekanntenkreis):
von den geltenden Steuertabellen her geben Ihnen die Zahlen zunächst Recht. Doch wer von den Reichen zahlt überhaupt noch den Spitzensatz?
Was glauben Sie, wieviele Vermögende mittlerweile ihr ganzes Leben um ein steueroptimiertes Konzept herummodellieren?
Da wird getrickst, was das Zeug hält - es ist zum Volkssport geworden, die 25-Prozentmarke nach unten zu durchbrechen. Ob Scheinadoption, Übertrag von Vermögen durch geschickte Rentenauszahlungspläne (um das Finanzamt auszutricksen), Versteckte Mieteingänge, intransparente Dienstleistungs-Tauschgeschäfte, Scheinverluste... Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Es ist einfach widerwärtig, mit welcher Dreistigkeit eine ganze Branche davon lebt, den Steuerdschungel nach sogenannten "eleganten Lösungen" zu durchforsten. Das alles ist volkswirtschaftlich gesehen nur Blindleistung, an der sich nur die Cleveren erwärmen können - auf Kosten der Allgemeinheit, die weder entsprechend ausgebildet ist und auch keine Zeit hat, sich damit auseinanderzusetzen.
Weg mit 30.000 Steuerparagraphen und vielen Tausend Tricks, "Abkürzungen" zu nutzen, von denen Sie, ich und die allermeisten Steuerprüfer nicht mal ansatzweise einen Schimmer haben!
Dies ist die Botschaft vom Kirchhofschen Steuermodell.


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Warum Schröders Spott so zielgenau funktionierte bei Kirchhof - flieger - 09.02.2012 13:20
        Re: Warum Schröders Spott so zielgenau funktionierte bei Kirchhof - Steuerzahler - 09.02.2012 15:13
Wenn wir gewinnen, gibts ein Fest auf dem Schloss - flieger - 09.02.2012 17:59
        Re: Wenn wir gewinnen, gibts ein Fest auf dem Schloss - Steuerzahler - 10.02.2012 10:15
Reloaded aus der Mottenkiste: Paul Kirchhofs Steuersparmodell für die Reichen - flieger - 11.02.2012 05:07
Wenn wir gewinnen, gibts ein Fest auf dem Schloss - Haushaltskonsolidierung - 11.02.2012 09:28


Der Artikel erschien am 07.02.2012, um 09:08
Letzte Änderung am 07.02.2012, um 10:08


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