Vierte Klasse und was dann?

Von Constanze Werry

Die verbindliche Grundschulempfehlung ist passé. Nun drängt der erste Jahrgang an die weiterführenden Schulen, der nur noch eine unverbindliche Empfehlung ausgestellt bekommt. Das verunsichert viele Eltern. Karsta Holch war viele Jahre Schulleiterin des Helmholtz-Gymnasiums in Heidelberg und hat inzwischen eine Consulting-Agentur gegründet. Im Interview spricht sie über die richtige Schulwahl.

Statt einer bindenden Empfehlung gibt es jetzt eine Beratung. Was war denn früher die Grundlage dafür und was ist sie heute?

Ich könnte mir vorstellen, dass die Beratung den Kollegen an der Grundschule mehr Raum lässt, ihre pädagogischen und auch psychologischen Beobachtungen einfließen zu lassen. Bei der Grundschulempfehlung waren sie mehr oder weniger an die geschriebenen Noten gebunden. Das Kind musste also einen Schnitt von 2,4 haben, um aufs Gymnasium zu kommen. Bei 2,7 zum Beispiel konnte man nur in begründeten Fällen davon abweichen. Das muss jetzt nicht mehr beachtet werden. Die Noten treten zugunsten des Gesamteindrucks etwas zurück. Das Regierungspräsidium hat inzwischen im Rahmen des Übergangsverfahrens die neue Grundschulempfehlung veröffentlicht. Und es ist weiter auch möglich, dass die Eltern ein besonderes Beratungsverfahren anfordern.

Was sollten Kinder für die jeweils weiterführende Schule mitbringen?

Schüler sollten für weiterführende Schulen ganz grundsätzlich Neugierde, Aufgeschlossenheit, Erfolgszuversicht, Selbstvertrauen und Teamfähigkeit mitbringen. Die Realschule legt Wert auf handlungsorientierte, fächerverbindende Unterrichtskonzepte und Projekte, in denen die Schüler die Fähigkeit zum selbstständigen Arbeiten erwerben. Dabei werden berufsorientiert Erfahrungen in praktischer Arbeit und im sozialen Bereich vermittelt. In den Gymnasien werden die Fähigkeiten vermittelt, theoretische Erkenntnisse nachzuvollziehen und schwierige Sachverhalte zu verstehen. Es sollen vielschichtige Zusammenhänge durchschaut und geordnet werden und dann von den Schülern verständlich vorgetragen und dargestellt werden.

Apropos Gymnasium - viele Eltern wünschen sich, dass ihr Kind aufs Gymnasium kommt - aber muss es das auch immer sein?

Ich denke, dass generell in unserer Bevölkerung in Baden-Württemberg noch nicht verankert ist, wie viele Wege zu wirklich hoch qualifizierten Abschlüssen führen. Man muss nicht denken, mit einer Realschulempfehlung sei alles verbaut. Eine Möglichkeit sind zum Beispiel sechs Jahre auf der Realschule, wo sich die Kinder ja teilweise hervorragend entwickeln - gerade weil wir auch sehr gute Realschulen hier haben - und dann drei Jahre berufliches Gymnasium. Und dann findet genau dieselbe Abiturprüfung statt und es wird dieselbe Hochschulreife erworben. Und es gibt ja auch viele andere berufliche Schulen. Da denken viele Eltern, eine Beschäftigung damit sei zu früh - aber das ist es nicht. Und das ist etwas, was viel zu wenig gesehen wird und was bei einigen Eltern auch den Druck rausnehmen würde. Wenn sie überlegen, sie gehen über die Werkrealschule, gehen dann über das Berufskolleg - sie haben mit jedem Start die Möglichkeit das Abitur zu machen - oder zumindest das Fachabitur.

Bei den Kindern ist doch der Erfolgsdruck auch sicherlich sehr hoch - in dem Sinne, dass sie aufs Gymnasium wollen - vielleicht auch ohne genau zu wissen, was das eigentlich ist?

Sie wollen vor allem mit ihren Klassenkameraden zusammenbleiben. Kinder sollten nicht im Hinterkopf haben: Das ist die Schule. Sondern sie sollten so gepolt sein: Wir haben viele gute Schulen und wenn du jetzt nicht mit der Freundin Uschi aufs private Gymnasium kommst, dann ist da ein ganz tolles anderes Gymnasium. Die freuen sich, dich zu nehmen. Komm - wir gehen da mal hin und schauen uns das an. Das heißt: Egal wie man selbst gepolt war: Wenn man dem Kind vermitteln kann: Da ist eine Schule, die freuen sich, dass du kommen kannst - wenn wir das hinkriegen könnten, wäre das toll.

Wann sollte ich die Wünsche meines Kindes respektieren und wann vielleicht sagen: Ich kenne dich besser, ich weiß, was für dich gut ist?

Kinder können sich sehr schnell umstellen. Selbst wenn es ein, zwei oder drei Tage dauert. Es kann durchaus sinnvoll sein, dass die Kinder eine andere Schule besuchen als ihre bisherigen Freunde. Beispielsweise wenn es musisch begabt ist und es deswegen auf ein musisches Gymnasium gehen könnte, alle anderen gehen aber auf ein anderes - wenn das Kind wirklich musisch hervorragend ist, würde ich mich nicht nach dem Kind richten. Dann sind da die Eltern gefordert. Aber die Eltern müssen sich in Gedanken von einer durchgehenden Schullaufbahn verabschieden. Ich muss gewärtig sein, dass ich das Kind nicht auf eine bestimmte weiterführende Schule gebe und dort ist es bis zum Schulabschluss. Ich muss es weiter begleiten, muss schauen, ob es vielleicht von der Realschule auf Gymnasium wechseln sollte und so weiter. Also wahrnehmen, begleiten und fördern. Aber nicht aufoktroyieren, festlegen und sich verabschieden.

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Der Artikel erschien am 13.02.2012, um 08:35
Letzte Änderung am 13.02.2012, um 09:35


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